Stoned Golem

*-* ... und wir wissen, dass es keine Wunder gibt ... *-*

Das Neue Leistungsschutzrecht. Oder: Wie Mit Gewalt Eine Zwei-Klassen-Informationsgesellschaft Geschaffen Wird

Vielleicht ist es der geneigten Leserin oder dem geneigtem Leser aufgefallen: In der aktuellen Diskussion um das geleakte Gesetz zum Leistungsschutzrecht (LSR) bleibe ich, zumindest hier im Blog, erstaunlich ruhig. Dies nicht daran, dass ich nicht dazu zu sagen hätte. Bei Weitem nicht! Ich lass nur meinen Unmut darüber auf flüchtigeren Medien wie Google+ aus. Dort mache ich auch noch etwas, dass ich in der Zwischenzeit auf meinem Blog aufgegeben habe: Auf Zeitungen verlinken und folgenden Text als Postskriptum anhängen:

Sehr geehrte [hier Zeitung einfügen] und sehr [hier Verlag einfügen, soweit bekannt],

dies ist der letze Link, den ich für Sie setze, weil der Artikelname in der URL enthalten ist. Nach der Vorlage zum geplanten Leistungsschutzrecht würde ich als Privatperson künftig Geld Ihnen zahlen müssen, wenn ich diese Art der Werbung fortsetzen würde, die nur und ausschließlich Ihnen dient und Ihre Bekanntheit steigert. Das sind weder Sie noch irgendeine andere Zeitung oder ein anderes Verlagshaus mir wert, weswegen ich derartiges (Mit-)Teilen in Zukunft einfach gänzlich unterlassen werde, solange Verlage am Leistungsschutzrecht festhalten.

Mit freundlichen Grüßen,

Florian Schulze, Braunschweig

Ich geb ja zu, es ist schon irgendwie kindisch, aber ich weiß mir gerade auch nicht besser zu helfen, wenn ich ehrlich bin. Im Gegensatz zu Jörg Kantel, dem Schockwellenreiter, sehe ich mich nicht nur als klassischen Copy-and-Paste-Blogger, auch wenn ich bisher an den Presseschauen immer meinen Spaß hatte; seinem Boykott auf Verlage zu verlinken schließe ich mich dennoch an. Dieses Statement meinerseits kann man seit dem Umzug des Blogges deutlich sehen sofern darauf aufmerksam gemacht wurde, obwohl es — ich geb es ja zu — nicht direkt ins Auge springt.

Für den Fall, dass sich jemand noch nicht mit dem geplanten Leistungsschutzrecht befasst haben sollte, bietet iRights.info eine gute schöne Einschätzung der Auswirkungen dieses gesetzlichen Unsinns an, der uns alle zu Melkkühe für Verlage machen wird.

Menschen, für die Meinungs- und Informationsfreiheit mehr sind als leere Worthülsen, laufen dagegen Sturm. Die Möglichkeiten dazu sind vielfältig und bunt. Nehmen wir also erstmal mich als Beispiel. Eine kleine Aufzählung.

  1. Ich vermeide von jetzt an Links auf Zeitungen und Artikel solange bis Verlage von diesem Irrsinn Abstand nehmen und das Gesetz vom Tisch ist.

  2. Da ich jetzt WordPress nutze konnte ich dieses schöne, kleine Plugin installieren, welches hoffentlich alle Links auf Artikel, die aus der Zeit vor dem LSR stammen, unterbinden und auf diese Seite weiterleiten wird. Sagt mir bitte bescheid, falls das PlugIn seinen Dienst nicht ordnungsgemäß versehen sollte.

  3. Alle Posts auf Stoned Golem werden als URL stonedgolem.de/?p=[Zahl] haben. Wieso, siehe unten.

  4. Ab sofort werden alle Posts, die sich auf das LSR beziehen, an den Zensurpranger gestellt. Wieso, erkläre ich unten.

  5. Ich betreibe weiterhin aktiv Meinung gegen diesen Schwachsinn.

Es mag nicht viel sein, und es ist derzeit auch nicht viel, aber wenigstens das kann ich leisten und deswegen leiste ich auch meinen kleinen Beitrag. Deswegen werde ich künftig ein wenig mehr Augenmerk auf eigene Inhalte und Rezensionen lege.

Warum also “Zensurpranger”? Das Leistungsschutzrecht soll die Leistung (welche denn? Tinte auf’s Papier zu bringen oder Pixel in einer lesbaren Form anzuordnen?) der Verleger schützen. Nicht der Urheber, denn die haben davon nichts! Wie im verlinkten Beitrag von iRights dargestellt wird, soll das Zitatrecht davon zwar unberührt bleibe, andererseits soll schon jede noch so kleine Übernahme lizenzpflichtig werden. Widersprüche wie dieser spannen ein willkürlichen Rahmen auf, der viele Blogger mit Abmahnungen konfrontieren wird. So ist es durchaus wahrscheinlich, dass “kleinste Übernahmen” auch schon bestehen, wenn auf URLs verlinkt werden, die den Artikeltitel beinhalten. Tja, und diese Art von Links findet man sehr, sehr häufig. Das LSR war auch der Grund, warum ich die WordPress-Standardeinstellung zur URL-Generierung beibehalten habe, auch wenn Zahlen nicht so schön sind wie der direkte Bezug zum Inhalt.

Darüber hinaus ist “kleinste Übernahmen” so schwammig, dass niemand mehr effektiv über Nachrichten berichten darf, weil vielleicht schon die Kombination “In Braunschweig findet heute ein…” lizenziert werden müsste, weil diese “kleine Übernahme” eventuell schon in einem Verlag abgedruckt wurde. Damit werden tagesaktuelle Themen zum reinen Konsumgut und fallen in die Hoheitsgewalt der Verlage, die sich damit eine goldene Nase verdienen. Zensur muss eben nicht nur die totale Unterdrückung bedeutet; in vielen Fällen reicht schon ein Veröffentlichungsmonopol aus, damit das Label “Zensur” angebracht ist. Denn wer die alleinige und unangefochtene Publikationshoheit inne hat, der macht auch Meinungen und bildet diese im wesentlichen Maße. Abweichler dürfen dann nicht mal diese Monopolmeinung kritisieren — es sei denn, sie lizenzieren sich die Stelle zuvor, auf die sie sich beziehen möchte. Und das klingt doch irgendwie widersinnig, oder?

Die URL Klausel sowie die schwammige Definition von “gewerblich” (sowohl eine Werbeeinblendung als auch die Einbindung eines flattr-Buttons sollen eine Website kommerziell werden lassen) führen dazu, dass effektiv für ein Jahr nicht über den Inhalt von Meldungen gesprochen werden kann/darf. Damit wird eine Zwei-Klassen-Informationsgesellschaft geschaffen, die ich zumindest als nicht tragbar empfinde. Kennt jemand den Spruch: “If it’s news, the news will find me?” Mit dem LSR hätte sich eine solche Einstellung dann erledigt. Der einfließende Newsstream wird versiegen und einige interessante, aber nicht wirklich weltbewegende Themen werden nicht mehr wahrgenommen, wenn die Möglichkeit zum Teilen flöten geht. Die Informationsgesellschaft wird sich aufteilen in jene, die weiterhin informiert sein möchten  und selbstständig auf die Suche nach Neuigkeiten gehen. Und jene, die sich weiterhin nur bei Facebook und Co. rumtreiben, sich dann vielleicht nach einer Woche wundern werden, ob die Welt außerhalb zu existieren aufgehört hat — und es dann dabei bewenden lassen.

Es ist doch jetzt schon abzusehen, dass sich die Politik- und Weltverdrossenheit mit einem derartigen Nonsense noch weiter vertiefen wird, nur weil einige Menschen den Beruf, dem sie seit Jahren nachgehen, nicht mehr ausüben können, weil kein Bedarf daran mehr existiert. Aber das ist doch normal. Schlecker-KassiererInnen arbeiten auch nicht mehr für diese Drogerie, weil der Arbeitgeber nicht mehr da ist. Schuhmacher wurden auch von den Billigschuhfabriken und ihren nähenden Kinderhänden fast vollständig verdrängt. Selbiges gilt für Schneider, oder kennt ihr noch einen? Die Liste von Berufen, deren Zeit abgelaufen ist, lässt sich beliebig fortführen. Und wenn sich auf dieser Liste bald Verleger finden, dann ist das halt so. Andere Menschen sind auch nicht vor diesem Schicksal gefreit. Oder um es mit Rösler zu sagen: “Es liegt jetzt an euch, dass ihr auf dem Arbeitsmarkt sinnvoll verwertet werdet.”

Folgendes Bild der digitalen Gesellschaft beschreibt die orwellsche Stimmung, die mich beim Thema LSR befällt, jedenfalls ziemlich genau.

Ihr merkt schon, ich reg’ mich wieder auf und deswegen lass ich es dabei bewenden. Vorerst.

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